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EINE FRAUENZEITSCHRIFT | |
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"Das Vergangene ist, wenn vergangen, von unserem Urteil abhängig"Fragezeichen zur deutschen Gedenkkultur und Erinnerungsexplosionvon Christina Thürmer-Rohr Der folgende Beitrag gibt einen Einblick in die widersprüchliche Erinnerungsdebatte in Deutschland. Je ferner die Vergangenheit rückt, desto vielschichtiger und ambivalenter scheinen die Urteile zu werden. Frühere " Fronten" verschieben sich, ältere Positionen geraten unter Kritik, andere Kulturen und neue Generationen bringen ihre Sichten ein, es gibt nie nur ein Argument, sondern immer Gegenargumente und Einwände - ein anstrengendes, verwirrendes Bild. Was bleibt sind mehr Fragen als Antworten - ein Feld von Widersprüchen, und weiterhin ein Minenfeld. I. ErinnerungDebatten um Geschichte, Gedächtnis und Erinnerung nehmen in Deutschland auch 60 Jahre nach dem Nationalsozialismus einen unerwartet großen Raum ein. Sie kommen und gehen in periodischen Wellen und alle, die regelmäßig ihr endgültiges Ende vorhersagten, wurden bisher widerlegt. Viele Kommentatoren meinen, dass die innere Welt der Deutschen von nichts so sehr geprägt sei wie von der NS-Vergangenheit. Die deutsche Gedenkkultur wird häufig bewundert. Vor allem auswärtige Beobachter sind beeindruckt von der leidenschaftlichen Diskussion und von der Offenheit, mit der sie geführt werde. " Daß ein Volk derart seiner eigenen Verbrechen gedenkt, ist ein historisch einzigartiges Phänomen. Es gibt keinen vergleichbaren Fall … Es muß erstaunen, daß die Zerstörung Dresdens, die Bombennächte, die Vertreibung aus dem Osten … weniger Anlaß für ein Gedenken bieten als die Leiden eines anderen Volkes" . Meist sind es InländerInnen, die in dieses Loblied nicht einstimmen. Viele beklagen bereits den inflationären Umgang mit dem Thema und sprechen von Gedächtniskult. Wir hätten ein hysterisches Verhältnis zur Vergangenheit, und aus Erinnerungslast werde Erinnerungslust. Vor allem HistorikerInnen finden, dass das Verhältnis zur Geschichte moralisiert oder sentimentalisiert werde. Geschichte werde zu staatlich-monumentalen oder zu subjektiv-emotionalen Zwecken ausgebeutet. Die Konjunktur der Erinnerung produziere erzwungene Rituale und zwanghafte Gedächtnisnormen, die vorgeben wollen, was erinnerungswürdig sei und was nicht. Nun gehören Gedächtnis und Erinnerung allerdings nicht nur den Historikern, und auch mit den genannten Einwänden bleibt die Frage nach Bedeutung und Ursachen des breiten Interesses bestehen. Was heißt Erinnerung? Erinnerung bewahrt auf, sie gibt der Vergangenheit eine Dimension des Bleibens. " Ich kann mich nur erinnern an das, dem ich im Denken nachgegangen bin; woran ich mich nicht erinnern kann, ist für mich nicht" . Erinnerung ist An-Denken. Wenn Vergangenheit Erinnerung wird, wird sie ebenso unsichtbar wie wirksam: sie wirkt von innen, sie wird zum Bestandteil der Person. Gedächtnis funktioniert somit nicht wie ein Speicher, der historische Fakten archiviert und Erfahrungen getreulich aufnimmt, sondern ist auch Spiegel von Gegenwartsinteressen, hat also einen Gebrauchswert für die, die sich erinnern und für die, die die Erinnerung inszenieren. Es gibt kein Erinnern ohne Funktion, und auch der Erinnerung an den Holocaust kommt ein - psychologischer, psychopolitischer, politisch-moralischer - Gebrauchswert zu, andernfalls wäre sie längst verblasst. Dieser Gebrauchswertcharakter öffnet zugleich einer " Funktionalisierung" der Holocaust-Erinnerung die Tür - für medienpolitische und andere Verkaufs-Interessen, für die Profilierung nationaler Identität, für die internationale Prestigesteigerung, für die Pflege der eigenen moralischen Überlegenheit, für die persönliche Expulpierung etc. Mit diesem Problem haben wir zu tun, wenn wir nach den Gründen der wiederholten Erinnerungsexplosionen fragen. Wozu also können wir Erinnerungen " brauchen" , die uns mit dem Höhepunkt der Entmenschlichung durch Menschen konfrontieren, zumal dann, wenn das eigene Kollektiv die Verbrechen begangen und zu verantworten hat: Verbrechen, die kein Unglücksfall waren, wie er allen Kriegsgeschädigten gemeinsam ist, sondern die unverjährbare und mit der vergehenden Zeit nicht auflösbare Verbrechen sind, die auf der deutschen Nation und auf der Moderne wie ein unsichtbares Schuldgefühl lasten? Auf den allgemeinsten Nenner gebracht kann man sagen, dass Erinnerungen als Wegweiser fungieren. In der heutigen Welt, die sich auf nichts mehr einigen kann, in der die Zukunft ungewiß und niemand genau weiß, worauf zu setzen ist, in der Traditionen nicht mehr tragen und die westliche Gesellschaft sich " wurzellos" fühlt, in diesem postideologischen oder nachmetaphysischen Zeitalter, das alle Eindeutigkeiten aufzugeben scheint, spiegelt das Interesse an Vergangenheit und Erinnerung vielleicht ein Sinnverlangen, eine Suche nach eindeutiger Orientierung. Die NS-Vergangenheit ist moralisch eindeutig, auf ihre eindeutige Verwerflichkeit kann man sich verständigen. NS und Holocaust, Tat und Täter bilden die Negativfolie, das Gegen- und Schreckensbild, das, was auf keinen Fall sein darf - das absolute Böse. Dieser Sicht folgt heute sofort der psychologische Einwand, dass es sich bei solcher Orientierung am Negativbild um typische Reaktionsbildungen handele, mit der die eigene Identität an das abschreckende Falsche gekettet bleibe und so im Kern das bewahre, wogegen sie angehen will. Solche Erinnerungsobsession gehe außerdem mit einem Verlust an Zukunft und Zukunftsvisionen einher. Und so meinen heute viele der Jüngeren, die Deutschen sollten ihre emotionalen Reflexe und moralischen Gesten einstellen und durch historische Reflexion und ein " Pathos der Nüchternheit" ersetzen: sie sollten anfangen, die Vergangenheit zu historisieren. II. IdentifizierungDie drei Nachfolgestaaten des " Dritten Reichs" , Österreich, DDR und BRD, sind mit der Hypothek des NS unterschiedlich umgegangen: Grob gesagt hat Österreich die Vergangenheit zu externalisieren versucht und das eigene Land mit Hilfe der Opferdefinition von Verantwortungen befreien wollen; die DDR hat den Nationalsozialismus als faschistische Phase des Kapitalismus gedeutet, im sozialistischen Staat für überwunden erklärt und die Verantwortungen ins jenseits der Mauer verlagert; die BRD war gezwungen, den Nationalsozialismus zu internalisieren. Sie hat die Vergangenheit zur negativen Bezugsgröße politischer und kultureller Orientierung gemacht und, heißt es, in jahrzehntelangen konflikthaften Auseinandersetzungen in das eigene Selbstbild integriert. Wenn das heißen soll, dass die BRD das Gedächtnis an den Holocaust als Subtext für gegenwärtige Politik und politische Orientierung brauche, sind Zweifel angebracht. Denn dann müsste man erwarten, dass z.B. die Debatten um die jüdische Minderheit, also die Assimilationskritik, die Forderung nach einer Politik der Anerkennung von Differenz, neue Wege im Umgang mit allen ethnischen Minoritäten aufgetan hätten. Das ist aber wohl kaum der Fall. Sicher ist richtig, dass den Bewohnern des westlichen Deutschlands kein Ausweg zur Verfügung stand, um die Geschehnisse abzuschieben. Die Geschichtssichten und Erinnerungslandschaften in Westdeutschland bewegten sich in einem breiten Spektrum zwischen Rechtfertigung, Selbstmitleid, Trotz und Anklage, zwischen Vergessenwollen, Beschönigenwollen und Wissenwollen. Ein ideologisches und regionales Außen stand dabei kaum zur Verfügung. Ursachen und Täter mussten wir " unter uns" suchen, Mittäter und Mitläufer lebten hier. Die Kinder der Toten standen vor den Kindern der Mörder. Vor allem die zweite Generation ist psychisch und politisch von diesem Erbe geprägt, und so waren viele von dem Wunsch angetrieben, zu den " guten" Deutschen zu gehören. Mit der Parole ‚Nie wieder Auschwitz' wähnten viele sich bereits auf der ‚richtigen Seite'. " Nie mehr auf der Seite der Henker sein" wurde für nicht wenige zum Lebensprogramm, zum Selbstsäuberungsversuch, zur Teufelsaustreibung. " Richtiges Erinnern" bedeutete, sich den Opfern der Deutschen zuzuwenden, sich mit den Opfern identifizieren, selber Opfer sein wollen, " rein" sein wollen wie sie. Diese Opfer-Identifizierung der zweiten Generation sei " bis heute die stärkste sozialpsychologische Kraftlinie der Bundesrepublik geblieben" . Beispiel ist ein Großprojekt, das Medienwissenschafter der TU Berlin Ende der siebziger Jahre gestartet haben, in dem ein ganzer Studiengang die Wirkung des US-amerikanischen Films " Holocaust" untersuchte - 1978 eines der erfolgreichsten TV-Programme aller Zeiten. Dieses Projekt kolportierten die Beteiligten am Ende folgendermaßen: Frage: " Was studierst du im Grundstudium? - " Holocaust!" - Und im Hauptstudium?" - " Holocaust!" - " Und was hast du beim Abitur gemacht?" - " Jud Süß!" - " Und was willst du werden?" - " Jude!". Die Rolle des Opfers bringt gewisse moralische Vorteile mit sich, denn Opfer sind die, die ihr Schicksal nicht selbst gewählt haben, sondern ihm ausgeliefert, also unschuldig sind. Die Begriffe Opfer und Täter lassen vor allem " so extrem traumatisierte Gesellschaften" wie die jüdische und die deutsche leicht aus den Fugen geraten. Sie lenken auch die Erinnerungsarbeit. Das kulturelle und das persönliche Gedächtnis ist somit beeinflußt von dem vitalen Interesse, das Erinnerte erträglich zu machen und mit dem eigenen Selbstverständnis in Übereinstimmung zu bringen. Die opferidentifizierte Art der Erinnerung wurde offensichtlich gebraucht, um den Seitenwechsel zu vollziehen, vielleicht ein notwendiger Schritt der Trennung von der Täterseite im eigenen Bewußtsein und eigenen Urteil. Zugleich aber handelt es sich bei diesem Griff zum Opfergedächtnis um einen unbefugten Zugriff, um Vereinnahmungen und Lebenslügen. Die Protagonisten der zweiten Generation und ihres Protests wollten " als Kinder deutscher Täter-Väter die Stelle der Opfer einnehmen" … und dabei blieb " ihre eigene unumgehbare, wenn auch unfreiwillige historische Erbschaft im toten Winkel ihres Diskurses" . Hier liegt das Dilemma, das der Gedächtniskultur in Deutschland seine Brisanz verleiht. Normalerweise lebt Erinnerung von der Sympathie gegenüber denen, die das Gedächtnis beherbergen soll. Das Täter-Material ist dafür nicht gerade geeignet. Dieses Dilemma hat zu Identitätsschöpfungen verleitet, mit denen auch die Nicht-Verfolgten direkt oder indirekt auf das Gedächtnis von Opfern und Verfolgten aufbauen wollten. Diese Suche nach unbefleckten Erinnerungsgemeinschaften ist m.E. nicht einfach eine zwar realitätsferne, aber gutgemeinte Suche, sondern auch eine dreiste und zynische. Denn der Anschluß ans Opfergedächtnis, diese Nachahmungs- und Wiederholungsabsicht - wir wollen sein wie sie, an die wir uns erinnern - kann nicht ernst gemeint sein. Wer will die Erfahrungen der Opfer wirklich wiederholen? Die Identifikationsneigung ist auch kein Ausdruck von Ehrfurcht. Ruth Klüger, eine Überlebende von Auschwitz, schrieb: " … die Objekte der Ehrfurcht wie die des Ekels hält man sich vom Leib" . Der Konflikt bleibt ungelöst - zwischen der Empathie mit den Opfern, die schon Schulkinder lernen sollen einerseits, und den wunschgerechten Vergangenheitsheimaten andererseits, die unredlich weil gestohlen sind. III. EntortungZum virulenten Thema wird Erinnerung dann, wenn die Gefahr des Vergessens droht, weil die erlebte Geschichte durch das unaufhaltsame Verschwinden der sie tragenden Generation untergeht. So verändert sich die heutige Gedächtniskultur auch dadurch, dass die Zeitzeugengeneration stirbt und das Wachhalten der NS-Geschichte der nachfolgenden Generation überlassen ist. Die Jungen sind mit der Erwartung konfrontiert, Geschehnisse zu bewahren, die vor bzw. außerhalb ihrer selbst gemachten Erfahrung liegen. Die Jetztlebenden haben damit nicht einfach die Aufgabe, Geschichte wie einen feststehenden Besitz zu erwerben, sondern eine nicht selbst zu verantwortende Vergangenheit selbst zu beurteilen und eigene Konsequenzen zu ziehen. Sie sind somit beteiligt am Prozeß der Deutung und Umdeutung von Vergangenheit, der schließlich die Kultur der Erinnerung ausmacht. Diese zeigt große Unterschiede zwischen den politischen Kulturen der " Täternation" (Deutschland), der " Opfernation" (Israel), der " Retternation" (USA), Unterschiede zwischen beteiligten und nicht beteiligten Nationen, und Unterschiede zwischen kollektivem und familialem Gedächtnis in Deutschland. Seit Mitte der neunziger Jahre hat ein Diskurs begonnen, der die " Nationalisierung" der NS- und Holocaust-Erinnerung und damit auch die strenge Unterscheidung von " Täternation" , " Opfernation" , und " Retternation" in Frage stellt. Solche Relativierungen können sich heute ohne viel Widerspruch durchsetzen, weil die immer national und regional gebundenen Zeitzeugenberichte - als Juden, als Polen, als Franzosen, als Deutsche, etc.- mehr und mehr verschwinden, sicher auch, weil in Einwanderungsländern eine national gebundene Erinnerungsarbeit zum pädagogischen Problem wird. Geht der Holocaust auch diejenigen an, deren Herkunftsland überhaupt nicht beteiligt war? Neuere Analysen gehen davon aus, dass die Globalisierung eine Veränderung oder gar Ablösung der national geschlossenen Erinnerung, ihre Entbindung von nationalstaatlichen Grenzen, ihre nationale Entortung bewirke. Ein territorial und national begrenzter Erinnerungsbegriff entspreche nicht mehr der Realität der globalisierten Moderne. Sie schaffe Raum für ein kosmopolitisches Gedächtnis, in dem nationale Erfahrungen sich durch globale Werte und globale Werte durch nationale Erfahrungen verändern. Kosmopolitisierung der Holocaust-Erinnerung meint nicht, sie zu universalisieren, also verallgemeinerbare Konsequenzen für alle ziehen zu können, sondern meint, dass verschiedene Erfahrungen sich kreuzen, befruchten, relativieren, wechselseitig verändern. Eine einheitliche Interpretation und homogene Deutung wird damit unmöglich. Die Nationalstaaten verlieren ihr Deutungsmonopol, die Macht über die Erinnerung ist immer weniger zentral zu steuern. Die staatlichen Anstrengungen werden durch deutende Menschen, Menschengruppen und Medien " von innen unterlaufen. Der ‚Holocaust' wird zum Allgemeingut und erlaubt es Menschen in den verschiedenen Ländern, sich mit ihm auf unterschiedlichste Weise auseinanderzusetzen" . Lokale Erinnerungen werden zwar nicht ausgelöscht, aber die Nationalstaaten geben nicht mehr den einzig echten " Container" für ein wahres Geschichtsverständnis ab. Der Holocaust sei niemandes Eigentum mehr. Die nationale Perspektive sei eine monologische Perspektive, weil sie die jeweils andere ausschließe, während der kosmopolitische Ansatz dialogisch sei, weil er die jeweils andere einbeziehen und mitdenken muss. Dieser Argumentation geht es um eine Erinnerungskultur, die die Menschenrechte stärkt statt ein national gebundenes Gedächtnis. Nur wenn die Schule der Geschichte zum Lernort für die Menschenrechte gemacht wird, könne man dem Vermächtnis der historischen Opfer wirklich gerecht werden, durch " eine gemeinsame Erinnerung jenseits politischer Ideologien und nationaler Grenzen" . " Der Holocaust sollte … ein kultureller Code für alle Länder" sein und die Erinnerung aus allen ideologischen Befangenheiten gelöst werden. IV. UmdeutungIn Deutschland ist der Holocaust Familiengeschichte. Und seine Niederschläge im Familiengedächtnis stehen den Thesen zur " nationalen Entortung" der Erinnerung erwartungsgemäß entgegen. Untersuchungen zum Transport von NS- Erfahrungen der ersten Generation in das Gedächtnis der nachkommenden Generationen machen deutlich, in welchem Ausmaß die übermittelten Inhalte auf diesem Transportweg von persönlichen Interessen bestimmt werden, die aus einem nationalen Kontext stammen. Die erzählten Geschichten und angedeuteten Episoden der Zeitzeugen sind dabei nicht identisch mit dem, was die Jüngeren aufnehmen, behalten und weitergeben. Das Gedächtnis zeigt sich auch hier nicht als Behälter, dessen " authentische" Besitzstücke die Älteren an spätere Generationen weiterreichen könnten, sondern die Kinder und Enkel greifen aktiv in die gehörten Geschichten ein. Sie nehmen Veränderungen an ihnen vor, die offensichtlich in erster Linie ihren eigenen Wünschen und Wertvorstellungen entsprechen und ihrer Selbstvergewisserung dienen. Zum Beispiel sollten Jugendliche einer Musikklasse sich während eines Lehrgangs in der KZ-Gedenkstätte Ravensbrück mit dem Liedgut beschäftigen, das Häftlinge im Lager gesungen haben. Die Schüler veränderten es, indem sie z.B. Lieder von Moll- in Durtonarten umsetzten. Die Originallieder in Moll fanden sie zu traurig. Die Motivation und das Motto für diese Umarbeitung lautete: " Die Hoffnung stirbt zuletzt" . Daß neue Generationen das Original verändern, kann man beunruhigend finden, es zeigt aber auch, dass sie aktiv mit dem Stoff umgehen und selber etwas mit ihm anfangen, indem sie ihm etwas Eigenes hinzufügen, und dass sie sich nicht einfach von der Vergangenheit determinieren und erschlagen lassen. Was im (Familien)Gedächtnis aufbewahrt und weitergetragen wird, beruht auf kommunikativen Prozessen, in denen die übermittelten Geschichten bei den Rezipienten ankommen müssen, d.h. " Leerstellen" enthalten, die Platz für eigene Ergänzungen lassen. Die Zuhörer/innen wollen aktiv in die Erzählung eingreifen, also beteiligt sein. Das Ergebnis ist eine Ko-Produktion. Zum Beispiel erzählt ein 91-jähriger deutscher Großvater von seinen Kriegserinnerungen: von einem deutschen Truppentransport während des Rußlandfeldzugs 1941/42 in einem Zug mit Pferden und einem Ofen; der Zug wurde gesprengt und stürzte in eine Böschung. Ehefrau und Enkelin fangen nun an, diese Erzählung selbständig mit diversen Details zu ergänzen, die der Großvater nie berichtet hatte: die Pferde hätten die Soldaten erdrückt; der Ofen sei in Brand geraten; die Züge hätten keine Fenster gehabt, sie seien verplombt und die Insassen eingeschlossen gewesen. Im Einzelinterview macht die Enkelin schließlich den Truppentransport zum " Viehtransport" und berichtet von der " Sortierung" der gefangengenommen Wehrmachtssoldaten " nach links" oder " nach rechts" . Das sind Anklänge an Deportationszüge und Selektionen. Das Gedächtnis ist " konstruktiv" , es sortiert, kombiniert, arrangiert. Es macht den Großvater zum reinen Opfer, der - wie die Juden - bestenfalls der Macht des Zufalls ausgeliefert war - Leben oder Tod. Von der Tätergeschichte des Großvaters, der selbst von der Ermordung russischer Kriegsgefangener berichtet hatte, erwähnt die Enkelin nichts. Wir wissen nicht, ob sie das vergessen oder verschwiegen oder gar nicht aufgenommen hat, entscheidend ist, dass sie die Begebenheiten als ein Schicksal schildert, dem der Großvater als Todgeweihter und Leidtragender hilflos ausgeliefert war und deren Fäden andere in Händen hatten. " In ihren Erzählungen geschieht immer etwas mit ihm, nie jedoch durch ihn". Solche Umdeutungen kann man als wohlfeile Lügen interpretieren, als dreiste Geschichtsfälschung zum Zweck der Familiensäuberung und eigenen Entlastung. Aber selbst dieses Ergebnis bleibt ambivalent. Eine jüdische Freundin wunderte sich z.B., warum wir Deutsche uns über solche Verdrehungen eigentlich aufregen. Es wäre doch viel schlimmer, wenn die Enkel sagen würden: mein Opa war ein Nazi! Die Gedächtnislüge spiegele nicht einfach Geschichtsfälschung, sondern bringe zum Ausdruck, dass die Jungen sich distanzieren, dass sie anders sein wollen. V. VergessenIn den siebziger und achtziger Jahren wurde das Vergessen als schwerwiegendstes politisches Versagen angesehen: das Nicht-Erinnern aus Gleichgültigkeit, moralischer Amnesie und allgemeiner Oberflächlichkeit. Das " Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu vergessen, wäre ein neues Verbrechen gegen die menschliche Gattung" . Dieses Erinnerungspostulat überlebender Opfer versuchte auch die deutsche Gedenkkultur sich nach und nach zu eigen zu machen. Heute sind diese Töne seltener geworden. Sie finden sich sogar - neuerdings von links - als " moralisches Hyperventilieren" der Lächerlichkeit preisgegeben. Man fängt an, das Daseinsrecht des Vergessens auch für die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit einzufordern. Erinnern und Vergessen werden zunehmend entideologisiert und entmoralisiert, d.h. sie werden von moralischen Kategorien zu empirischen Kategorien und verlieren dabei ihren Forderungs- und Warncharakter. Mit diesem unbefangeneren Umgang würde die Holocaust-Erinnerung zu einer ganz " normalen" Erinnerung wie andere Erinnerungen auch. Und so könnte man auch wieder an das alte Bild von der Wachstafel anknüpfen: Sokrates hatte nämlich gemeint, man solle für das eigene Gedächtnis sorgen, indem man die einen Erfahrungen zu bleibenden Eindrücken macht, andere Eindrücke aber erlöschen läßt, " ehe sie zur Seele gelangen, so dass sie die Seele unberührt lassen" oder " der Seele vorenthalten" bleiben. Wenn zur Leistung des Gedächtnisses also nicht nur das Festhalten gehört, sondern auch das Unberührtbleibenwollen, die Abstoßung, dann wäre Erinnern nicht mehr einfach gut und Vergessen nicht einfach schlecht. Die heutige Geschichts- und Gedächtnisforschung räumt so auch ein falsches Erinnern und ein richtiges Vergessen ein. Denn mit der Erinnerung beginnt auch die Möglichkeit des Irrtums, und Erinnerung kann höchst gefährlich sein, wenn sie Rache und Hass befördert. Jorge Semprun hatte vor 10 Jahren seine Erinnerungen an Buchenwald unter das Motto gestellt: " Wer sich erinnern will, muß sich dem Vergessen anvertrauen …" . Und für das Vergessen plädierte Ende der achtziger Jahre auch der israelische Historiker Yehuda Elkana - ein Plädoyer, das sich gegen die Gefahr richtete, dass " der Holocaust mit systematischer Gewalt das Bewußtsein der gesamten Bevölkerung infiltriert." . Diese Warnung bezog Elkana ausdrücklich auf Israel, nicht auf Deutschland. Für viele der zweiten Generation in Deutschland markierte der Satz " Wir müssen vergessen" die absolute Grenze zwischen Opfern und Tätern: " Wir müssen vergessen" , das dürfen nur Opfer sagen; die Täter und ihre Nachkommen haben dieses Recht nicht, sie dürfen sich das Recht auf Wahl zwischen Erinnern und Vergessen nicht zusprechen, nicht das Recht auf jene bewußte Aphasie, um weiterleben und wenigstens die " Illusion einer Zukunft" gewinnen zu können. Denn für " uns" wäre das Vergessen die " Zweite Schuld" , der Friede mit den Tätern. Mit solchen strikten Täter-Opfer-Unterscheidungen können die Jungen heute m.E. nicht mehr viel anfangen. Jedenfalls ist unübersehbar, dass sie das Vergessen weniger heftig zurückweisen als es die zweite Generation noch tat. Auch lassen sich die nachgeborenen Deutschen von den nachgeborenen Juden zunehmend weniger beeindrucken. Der freigelassene Umgang mit der Erinnerung zeigt sich auch in der Nutzung des Holocaust-Mahnmals in Berlin-Mitte, das in diesem Frühjahr eingeweiht worden ist: Dort wird geschwiegen, erinnert, getrauert, aber auch geturnt, getanzt, gesprungen, gelacht, gerufen, getrunken, gesonnt. Und dieses Benehmen verstößt keineswegs gegen die Vorstellungen seines Architekten Peter Eisenman. Dieser meinte selbst angesichts der Gefahr, dass Neonazis sich am Mahnmal zu schaffen machen könnten: " Wenn die Nazis unbedingt übers Stelenfeld laufen wollen, sollen sie es eben tun" . Zu Journalisten sagte Eisenman: Das Mahnmal bedeutet, " was Sie wollen" . Es sagt: " Du sollst erinnern!" , aber nicht, warum, wozu, nicht einmal genau was. Das Mahnmal ist abstrakt, bildlos, ziellos, es nötigt nichts auf, es gibt nichts vor. Es ist das, was die Besucher daraus machen. Das ist seine erklärte Absicht, und in diese ist inbegriffen, dass es ambivalent bleibt, dass sein Problem nicht handhabbar ist, dass nicht klar ist, was es sagen will, dass es seine Schock-Wirkung auch verlieren kann - sofern seine Besucher es wollen. Was ist von den vielen Widersprüchen zu halten? Ich meine, das Problem ist nicht gelöst, wenn die Menschenrechtsbildung den Vortritt vor den nationalen Opfer-, Täter- und Schuldfragen bekäme, d.h. beides gegeneinander ausgespielt würde. Viele Deutsche könnten das zwar erleichtert zur Kenntnis nehmen, sie würden endlich das Stigma der " Täternation" los. Aber wir können nicht aus einem Erbe hinausspringen, das nun mal unser Erbe ist. Es ist nicht auflösbar und nicht delegierbar. Wir kommen um den nationalen Kontext der Holocausterinnerung nicht herum. Alle Streitfragen hängen so sehr von der nationalen Geschichte ab, dass jede Forderung - z.B. die, zu vergessen - gegensätzliche politisch-moralische Bedeutung bekommt, je nach dem, wer sie wo ausspricht. An die Diskurse der Opfer der Deutschen jedenfalls können sich nicht-verfolgte Deutsche nicht einfach anschließen. Unser Erbe ist vor allem das Erbe von Täter/innen und Mittäter/innen. Wir können es nicht ausschlagen. Die einzig glaubwürdige Konsequenz liegt in einer Politik der Anerkennung der Opfer - statt der Identifizierung mit den Opfern -, und in der Ursachen- und Tatanalyse. Opfer gibt es nicht ohne Taten. Und die Taten sind lokalisierbar, und die Tatverantwortung liegt nicht bei den Opfern. Sie liegt natürlich auch nicht bei den Nachgeborenen. Aber auch ihre Holocaust-Rezeption ist ohne die darin verhandelten spezifisch deutschen Schuld- und Verantwortungsfragen und ohne die klare Unterscheidung deutscher Täter von Opfern durch deutsche Täter überhaupt nicht zu denken. Aus dieser Sicht bliebe die Auflösung nationalgebundener Erinnerung unweigerlich mit einer Relativierung der Verbrechen und mit erneuten Lügen verbunden. Erinnerung würde zu einem nicht-authentischen, wurzellosen, oberflächlichen Substitut, dessen man sich je nach Gunst der Stunde und je nach Gegenüber beliebig bedienen kann. Es geht kein Weg daran vorbei, die unterschiedlichen Perspektiven zu verstehen statt zu vermengen, und selbst zu urteilen. Hannah Arendt sagte: " Das Vergangene ist, wenn vergangen, von unserem Urteil abhängig" . Vom Urteil der Jetztlebenden hängt ab, wie und was von der vergangenen Geschichte beherbergt, aufbewahrt, verdreht oder vergessen wird. Seit einigen Jahren taucht in Deutschland ein Thema auf, das jahrzehntelang ins Rechtsaußen der Vertriebenenverbände verlagert und in einer kritischen Öffentlichkeit verachtet war: die öffentliche Erinnerung an Flucht, Vertreibung, Bombardierung der deutschen Bevölkerung. Viele beunruhigt das. Meines Erachtens handelt es sich hier aber nicht einfach um die Wiederkehr eines erneuten Opfermythos, um ein Symptom der befürchteten Wende von der Täter- zur Opferrolle. Daß die Gesamtkatastrophe des Krieges viele Millionen Nicht-Kombattanten, also Zivilisten, vor allem Frauen, Kinder und Alte betroffen hat, und dass Verbrechen und Leiden zusammengehen können, irritiert zwar die Neigung zu eindimensionalen Urteilen, moralische Sicherheit kann aber nicht mit historischer Vereinfachung erkauft werden. Es irritiert " wenn eindeutige Zuordnungen verloren gehen und die Grenzen zwischen Gut und Böse, Tätern und Opfern … verschwimmen" . Auf Unwillen stößt vor allem die selektive Erinnerungsfähigkeit mancher Zeitzeugen, deren Verstrickung in das eigene Leiden die Verbindung zum verursachten Leid an anderen unbedacht läßt, deren individueller Mikrokosmos sich also nicht mit dem Makrokosmos historischer Zusammenhänge und Verantwortungen deckt. Dennoch: die Tabuisierung von Trauer war vielleicht ein notwendiger, aber kein guter Weg, sie rächt sich, sie führt zu eingefrorenen Gefühlen und zum Ressentiment gegenüber denen, deren Leid unbestritten ist. Das Recht, über eigene Verluste zu trauern, hat mit Ursachenverkennung und Geschichtsumwertung eigentlich gar nichts zu tun. Trauer und Tränen sind nicht dazu da, Ursachenzusammenhänge zu verstehen oder Recht zu behalten. Trauer konkurriert nicht. Trauer versucht, mit einem Verlust fertig zu werden, aber mit den Verbrechen wird auch Trauer nicht fertig. |
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