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Marlene Streeruwitz - Es ist ein Mädchen

Alles, was in den nächsten 16 Tagen hier zur Sprache kommen wird. Alles, was an Gewalt auf Frauen eindringt. Alles, was als möglicher Erfahrungsraum von Gewalt jedes Frauenleben bedroht. Das alles beginnt mit diesem Satz. Das alles verwandelt diesen Satz in ein Urteil. Macht diesen Ausruf bei der Geburt zu einer Verurteilung.

"Es ist ein Mädchen. " Die Beschreibung des Geschlechts als das eines Mädchens ist das Urteil zu Verachtung, Beschränkung und Beschädigung. Und automatisch so. Kulturell festgelegt.

"Es ist ein Mädchen. " Das bedeutet, daß aus dem "es" eine Person geworden ist, deren weibliche Erscheinung eine Außenfläche bilden wird, die jedem zu Besitz im beurteilenden Blick zu Verfügung stehen wird. Ja. Eine Außenfläche wird das sein, die als nichts als sie selbst in Erscheinung treten kann. Die immer nur in einem Gesehen Werden existieren wird. Selbst unter den freundlichsten Bedingungen ist das beschränkend. Und es ist doppelt beschränkend, wenn dann auch noch der eigene Blick in das Urteil eingewiesen, die Sicht auf sich selbst unter dieses Urteil stellt. Wenn also aus der Verachtung des Mädchens die Selbstverachtung des Mädchens werden muß. Wenn aus der Entmutigung des Mädchens die Selbstentmutigung des Mädchens wird. Und wenn dann aus der Beschädigung des Mädchens die Selbstbeschädigung der Frau geworden ist. Wenn Frauen in der Logik der Verurteilung des "Es ist ein Mädchen. " auch noch zu den Handlangerinnen ihrer Verachtung, Entmutigung und Beschädigung gemacht werden. Gezwungen werden. Ja. Wenn Anpassung als Schonung von Verachtung, Entmutigung und Beschädigung daherkommt. Sei das in der Anpassung als Model für das Unterwäscheplakat. Sei es als Partnerin in einer Gewaltbeziehung. Sei es als Politikerin der Globalisierung oder des neoliberalen Bildungs- und Sozialabbaus.

"Es ist ein Mädchen." Es liegt in diesem Satz eine, in der hegemonialen Kitsch-und Hochkultur tradierte Gesetzlichkeit verborgen. Was in Opern und sonstigen Klassikern so innig gepflegt wird, ist eine Vorstellung von Frauenschicksal als einem schweren. Von einem Frauenschicksal, in das sich nicht die Zeit, sondern die Männer einschreiben werden. Einschreiben sollen. Mit Verachtung, Entmutigung und Beschädigung. Aber gerade durch die Verachtung, Entmutigung und Beschädigung wird das Frauenschicksal in das gewalttätige Dunkel getaucht, das diesem Schicksal dann Bedeutung verleiht. Die Kitsch-und Hochkultur beruht auf dem durch Männergewalt schweren Schicksal der Frau. Die in der Kitsch-und Hochkultur versprochene Transzendenz beruht auf dem Blick auf die verachtete, entmutigte, beschädigte Frau. All diese in die Hochkultur versiegelten Bedeutungsräume kehren im Denken des Satzes "Es ist ein Mädchen. " als dieses Urteil wieder. Schwingen in diesem Satz mit. Sind, süßes Gift der Ästhetisierung, immer mitgeliefert.

Sie werden in den kommenden Tagen darüber hören und sehen, wie sich die Verachtung, Entmutigung und Beschädigung in die Wirklichkeit schlagen. Wie selbstverständlich. Wie ungesehen. Wie übersehen. Wie überhört. "Es ist ein Mädchen. " Ich möchte Sie bitten. Als kleine Übung. Als kleine tägliche Übung. Auch für die Geübtesten. Ich möchte Sie bitten, diesen Satz. Dieses "Es ist ein Mädchen." vollkommen zu entleeren. Vollkommen leer zu hören. Das Urteil durch einen Frei-Spruch zu ersetzen. Den Frei-Spruch in einen Willkommensgruß verwandeln. Und dann alle Helligkeit von Achtung, Ermutigung und Unversehrtheit in diesen Satz als strahlende Begrüßung legen. "Sie ist da."

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