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"Für jene aber, denen es nicht beschieden ward, ihr im Leben zu begegnen"

Betty Paoli - Was hat der Geist denn wohl gemein mit dem Geschlecht?

Herausgegeben von Eva Geber.
Mandelbaum Verlag, AUFedition, Wien 2001.

"Für jene aber, denen es nicht beschieden ward, ihr im Leben zu begegnen, will ich es versuchen, diese grossartige Persönlichkeit wenigstens andeutend so zu schildern ..."

Eva Gebers "Entdeckerinnenlust"(2) ist es zu verdanken, dass das Leben und Schaffen der Betty Paoli kein weisser Fleck mehr auf der Landkarte frauengeschichtlicher Eroberungen ist, sondern nun sozusagen kartografisch und in handlicher Buchform (be)greifbar vor uns liegt. Und es ist ein spannendes und aussergewöhnliches Leben, das die Journalistin und Lyrikerin vor etwa 150 Jahren geführt hat.

Aussergewöhnlich, weil im 19. Jahrhundert kaum eine Frau in der Lage war, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Spannend, weil Betty Paoli dies auf eine Art und Weise zuwege brachte, die in jedem Jahrhundert beachtenswert ist.

Im Alter von 15 Jahren befand sich die 1814 geborene Barbara Elisabeth Glück in der Situation, sich selbst und ihre Mutter erhalten zu müssen. Sie fand eine Anstellung als Gouvernante, bildete sich selbst weiter und begann mit literarischer Arbeit. Bereits mit 18 Jahren veröffentlichte sie ihre ersten Gedichte, 1841 dann ihren ersten Gedichtband unter dem Pseudonym Betti Paoli. Damit schaffte sie den Durchbruch, wurde von Lenau und Grillparzer lobend besprochen und avancierte zur Gesellschaftsdame und Salonnière. Nach der Herausgabe weiterer Gedicht? und Novellensammlungen arbeitete sie ab 1848 als erste Journalistin im deutschsprachigen Raum und spezialisierte sich vor allem auf Feuilletons in der Presse, bzw. der Neuen Freien Presse.

Faszinierend ist, dass sie die Werkzeuge Essay und Feuilleton einsetzte, um für die Zulassung der Frauen zu Bildung und Beruf einzutreten. "Man hält den Mädchen lange Predigten über die Gefahren der Kokeitterie und treibt sie andererseits, alle Künste aufzubieten, um sich einen Mann zu erbeuten."(3) schreibt sie als eine Frau, die unverheiratet blieb, weil sie es wollte. Ein Zitat aus dem Feuilleton "Wissen ist Macht", das am 16. Dezember 1869 in der Neuen Freien Presse erschienen ist, ver anschaulicht, wie vehement Betty Paoli ihre unkonventionellen Ansichten vertrat:
"Bei uns zerfallen die Frauen der grossen Mehzahl nach in zwei Rangklassen: Wenn auch dem Namen nach verheiratet, sind sie in Wahrheit meistens nur entwederWirtschafterinnen oder Odalisken, arme Lasttiere, denen man jede häusliche Sorge und Plage aufbürdet, oder allerliebste unnütze Dinger, die man wie Papageien in einen vergoldeten Bauer sperrt, um sich in müssigen Stunden an ihnen zu ergötzen. Können Söhne so kläglich gestellter Mütter in ihnen die Würde des Geschlechts achten lernen? Werden sie nicht von Kindheit an darauf hingewiesen, die Frauen als untergeordnete, rechtlose Wesen zu betrachten? Aus diesem und keinem anderen Grund halte ich gemischte Schulen bei uns für unzulässig. So wie die Geschlechter jetzt zueinander gestellt sind, würden die Mädchen nur zum Spielball der tollen oder verliebten Launen ihrer männlichen Schulkameraden dienen ..."

Gewisse Einsichten voraussetzend, sozusagen zukunftsorientiert oder eine Denkbarkeit von Utopien zulassend, proklamierte sie aber genausogut die Vorteile einer Koedukation.

Ausserdem rezensierte und förderte sie Literatur von Frauen (u.a. Marie von Ebner-Eschenbach), "begleitete ihr Schaffen oft jahrelang, um sicherzustellen, dass es Anerkennung erfuhr (wie etwa bei Droste-Hülshoff), (...) widmete ihre eigenen Werke häufig Frauen ..."(4) und bewies auch damit ihr gesellschaftskritisches, auf Frauen fokussiertes Engagement.

Eva Geber gibt mit diesem Buch eine beeindruckende Zusammenstellung von Feuilletons, Rezensionen und einem Nachruf heraus. Zur Textauswahl schreibt sie: "Meinem Interesse entsprechend habe ich Betty Paolis Texte über Frauen und zur Frauenfrage ausgewählt. Ich verstehe meine Arbeit als Impuls für weitere Veröffentlichungen zu Betty Paoli - ich konnte lange nicht alles, was mir vorlag, in meinem Aufsatz unterbringen." Mit ihrem "Aufsatz" meint sie das erste Drittel des Buches, das sowohl die Auseinandersetzung mit der Biografie, dem Umfeld und der Arbeit Betty Paolis, als auch ihren Bezug zur Person (im Kapitel "Frühe Begegnung") beinhaltet.

Wie schon bei Rosa Mayreder(5), gelingt es der Autorin auch hier, historische Trennungsmechanismen ausser Kraft zu setzen. Mit ebenso zeitlosen wie nahegehenden Betrachtungen der Lebensumstände ermöglicht sie uns einen Blick auf Wirklichkeiten und eine Einsicht in die Person Betty Paoli.

"Ich wohne hier sehr hübsch, in einem grossen, freundlichen Zimmer, habe an Ida Fleischl einen angenehmen, anregenden Umgang, von dem ich nicht zu fürchten habe, er dürfte mir gewisse gesellige Pflichten auferlegen."6 Und an anderer Stelle: "Ob das Schreiben oder das Rauchen ihr unentbehrlicher war ( ... ), wer wüsste das zu sagen!" Dem Zitat von Helene Bettelheim-Gabillon fügt die Herausgeberin hinzu: "Es mag den Raucherinnen ein Trost sein, dass Betty Paoli mehr an einem Nervenleiden als an der Lunge gelitten hat."

Derartige Details veranlassen mich, einen nächsten und sehr wesentlichen Aspekt hervorzuheben, und damit dieses Buch zu empfehlen: Die Lektüre macht spürbar, dass Eva Gebers Interesse an Betty Paoli weit über die intensive Recherche hinausgeht und wesentlich mehr als mühevolle Transkription handschriftlicher Manuskripte beinhaltet. Beinahe symbiotisch wirkt es, wenn Betty Paoli in einem Nachruf auf die von ihr verehrte Julie Rettich schreibt: "Wenn aber schon eine zur vollkommenen Ausbildung gelangte Eigenschaft hinreicht, einem Menschen Geltung zu verschaffen, wie erst dann, wenn der Hort, von dem jeder Bruchteil ein köstliches Kleinod, sich in einem Wesen ganz und voll vorfindet?", und in Eva Gebers Kapitel "Die Frauen" zu lesen ist: "In der Handschriftensammlung der Stadt Wien fand ich ein Billettlein von Betty Paoli an die bezaubernde Burgtheatertragödin Julie Rettich mit der Bitte um eine Zusammenkunft. Der Text gibt nichts preis, aber die Form nimmt mich gefangen. ( ... ) Unwillkürlich hielt ich es an die Nase, um den Duft zu riechen, der ihm entströmt sein muss." Angesichts dieser Zuwendungen kann auch ich ein gewisses Pathos nicht vermeiden, wenn ich feststelle, dass hier in der Fortsetzung einer Frauenbezogenheit die Verbindung von Jahrhunderten gelungen ist, Geschichte durch Geschichten schreiben vermittelt wurde, oder - wie Karin S. Wozonig bei der Buchpräsentation meinte - der Glaube an das Geschichtenerzählen bewirkt hat, dass Wesentliches nicht verloren geht. "Nun ist es aber geradezu unvernünftig, dass man die Mädchen in der krassen Unwissenheit über die Gesetze erhält ..." (Betty Paoli) Vor allem die Gesetze der Vermittlung scheinen mir hier wesentlich zu sein.

Lika Trinkl

1 Nachruf auf Julie Rettich; Wien 1866
2 "Meine frustrierte Entdeckerinnenlust machte mir bereits etwas zu schaffen, ... "aus "Frühe Begegnung", S 8
3 Eine Zeitfrage, Neue Freie Presse, 4. November 1865
4 Aus dem Kapitel "Die Frauen", S 26
5 Rosa Moyreder. Zur Kritik der Weiblichkei. Und: Geschlecht und Kultur. AUFedition, Wien 1998
6 Aus dem Kapitel "Harte Jahre", S 20 im vorliegenden Buch. Zit in Charakteristik.

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