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Politiken der Angst | |
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Rubio Salgado/MAIZ - Leck mich - ich komme!Provokationen des Rassismus und die antirassistische Handlung von MigrantinnenWird der ansonsten dominante Blickwinkel unterlaufen und werden Migrantinnen in der Selbst- und Fremdwahrnehmung nicht mehr nur als passive Opfer ihres Status gesehen, dann kann die Anwesenheit von Migration auch das Potential zur Provokation enthalten, die das Dominante und Gewohnte Infragezustellen vermag. Im Folgenden stellt MAIZ ein geplantes Projekt (Das Projekt wurde von maiz beim beim Kupf Innovationstopf 2006 eingereicht) im Grenzraum zwischen politischer Bildungs- und Kulturarbeit vor: Migrantinnen und Zuschauerinnen haben im Rahmen eines Forum-Theater-Projektes die Möglichkeit, aus Provokationen des Rassismus Reaktion und widerständige Aktion zu entwerfen und auszuprobieren. Wer an politischen Prozessen teilnehmen oder mitbestimmen darf, ist von der Definition einer "vollen" Bürgerinnenschaft abhängig. Dadurch entsteht eine Differenzierung zwischen denjenigen, die teilnehmen sollen und dürfen (Staatsbürgerinnen), und denjenigen, die teilnehmen wollen, die notwendigen Kriterien aber nicht erfüllen und folglich nicht teilnehmen dürfen (Nicht-Bürgerinnen) (Fach: 2004). Diese Feststellung bezieht sich nicht ausschließlich, aber hauptsächlich auf die Ausübung der Bürgerrechte - wie das Wahlrecht und andere Grundrechte, gleicher Zugang zu öffentlichen Ämtern, Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit des Aufenthalts, der Einreise und der Auswanderung, Freiheit der Erwerbstätigkeit, Petitionsrecht, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Meinungs- und Pressefreiheit, Recht auf Bildung; Freiheit der Berufswahl und der Berufsausbildung, usw. Gegenwärtig wird die Anzahl derjenigen, die teilnehmen sollen, aber trotzdem nicht teilnehmen wollen, größer, und dies nicht nur hinsichtlich der Ausübung des Wahlrechtes, sondern auch im Zusammenhang mit allgemein gesellschaftlich-politischen partizipativen Prozessen. Es wird in diesem Zusammenhang von Politikverdrossenheit oder -entfremdung gesprochen. Auch innerhalb der Migrantinnen, die per Gesetz teilnehmen dürfen (also bereits eingebürgte Migrantinnen), scheint es ein Desinteresse an politischen Prozessen, eine Politikverdrossenheit zu geben (vgl. Jenny: 2003). Migrantinnen, die nicht teilnehmen dürfen, treten lediglich in vereinzelten Aktionen als Partizipationsbegehrende und -kämpfende auf. Die Mehrheit hält sich abseits solcher Bestrebungen. Sind die Anstrengungen, das alltägliche Leben zu organisieren, die notwendig und enorm zeitaufwändig sind, Grund für dieses Desinteresse? Oder hat dies auch mit der hegemonialen Selbst- und Fremdwahrnehmung von MigrantInnen zu tun und damit nicht zuletzt mit der gegenwärtig zentralen Ideologie des Empowerments, die innerhalb der herrschenden Denkweise durch die Abwesenheit einer Reflexion über strukturelle Missverhältnisse gekennzeichnet ist? Unsere AnnäherungsOPTIONIm Gegensatz zum vorherrschenden Bild der passiven und geduldeten Migrantinnen, möchten wir Migration als widerständige Strategie im Kontext einer weltweit konsolidierten neoliberalen Marktwirtschaft verstehen. Wir gehen daher davon aus, dass sich im Rahmen internationaler Migrationsbewegungen sich eine enorme Anzahl von Menschen der Logik des Neoliberalismus widersetzt, die einerseits "die freie Zirkulation des Kapitals, der Güter, des Konsums und der produktiven Prozesse erzwingt, doch andererseits die Mobilität der Arbeitskraft und die freie Zirkulation der Menschen verurteilt und begrenzt - ein Prozess, der sich verstärkt, wenn es um arme und/oder diskriminierte Ethnien geht". (Araujo/Caixeta:Ö 1999) In den "Zielländern" rufen also die Migrationsbewegungen, die Anwesenheit von Migrantinnen eine stets restriktiver, protektionistischer und diskriminierender werdende Gesetzgebung (sowohl im Fremdenrecht, in der Regulation des Arbeitsmarkts, in der Staatsbürgerschaftsregelung, als auch im Asylgesetz) hervor. Auch eine Intensivierung und Verbreitung von Alltagsrassismen und Diskriminierungen wird dadurch provoziert. Es kann also behauptet werden, dass Migrantinnen von Rassismus und seinen Auswirkungen/Aktualisierungsformen provoziert werden. Statt Angst, Instabilität und Zurückhaltung, Unsicherheit, Abhängigkeit, Spaltung und Reproduktion des Diskurses der Provokateurinnen, Resignation, isolierte Handlungen als intendierte Reaktionen der Herrschaftslogik zu thematisieren, interessiert uns vielmehr die Frage, was an widerständigen Reaktionen provoziert werden könnte: Empörung, Aktionen, Proteste, Widerstand, Interventionen, politisches Engagement und Handlung, der Entwurf von Perspektiven und die Erkämpfung von Gerechtigkeit. Wir weigern uns zu akzeptieren, dass Provokationen nur mehr in religiösen Belangen (wie derzeit häufig behauptet wird) imstande sind, widerständige Reaktionen hervorzurufen. Auch wollen wir uns mit Erklärungen wie allgemeine Politikverdrossenheit, Individualisierungsprozesse und neoliberalen Empowerment-Ansätzen nicht zufrieden geben. Innerhalb einer politischen Kulturarbeit, die dem passiven Konsumieren aktive Teilnahme entgegen stellen will/kann/soll, wollen wir daher Empowerment als einen Prozess sehen, in dem eine Gegenmacht aufgebaut werden kann. Dazu soll die Stärkung der gemeinsamen Handlungs-, Entscheidungs- und Interventionskompetenzen von gesellschaftlich systematisch diskriminierten Gruppen vorangetrieben werden. Die Auseinandersetzung im Sinne einer Frage nach Anfang und Fortsetzung eines solchen Prozesses gewinnt insbesondere im Zusammenhang der Entwertung des Politischen bei gleichzeitiger Abschaffung demokratischer Rechte eine relevante Dimension. Anstatt die Öffentlichkeit zu provozieren, anstatt zu überlegen, ob Provokation eine adäquates Instrument der politischen Arbeit ist, wollen wir den Blickwinkel verschieben und vielmehr die Frage aufwerfen, warum Rassismus nicht öfter als eine Provokation fungiert, die widerständige Handlungen hervorruft. Wir wollen das provokatorische Potential von Rassismus ausnützen. Dabei beziehen wir uns nicht auf einen Begriff von Provokation, der in Verbindung mit Medienöffentlichkeit, Skandal oder Aufregung steht, sondern versuchen, die im Begriff erhaltene Idee des Hervorrufens von Aktionen und Reaktionen aufzugreifen. Die UmsetzungUm das widerständige Handlungspotential von Migrantinnen als Reaktionen und Aktionen auf die rassistische Provokation hin zu erforschen und zu fördern, erscheint es sinnvoll, uns in der konkreten Arbeit auf eine fiktionale Ebene zu begeben. Im fiktionalen Territorium bildet die persönliche Identifizierung von (Aus)sagender mit (Aus)sagen keine Regel. Es handelt sich um Aussagen "fiktiver Personen", die zwar von konkreten und persönlichen, gesellschaftlichen und geschichtlichen Erfahrungen geprägten Menschen erfunden wurden, aber mit diesen Menschen nicht identisch sind. Im Bewusstsein dieser Distanz können die Gestaltenden wagen, etwas zu riskieren und so ein endloses Entfaltungspotential der Wirklichkeit erkunden und entdecken. Die Unterscheidung zwischen dem reproduktiven und dem utopischen Imaginär ist wichtig für die Entscheidung bezüglich der Option einer Durchführung dieser Arbeit auf der fiktionalen Ebene: "Das utopische Imaginär schafft eine andere Realität, um Fehler, Unglücke, Niedertracht, Beklemmungen, Unterdrückungen und Gewalt der vorhandenen Realität zu zeigen und um den Wunsch nach Veränderungen in unserer Imagination zu erwecken. Während das reproduktive Imaginär versucht, unseren Wunsch nach Transformation zu ersticken, versucht das utopische Imaginär diesen Wunsch in uns hervorzuheben. Durch die Erfindung einer Gesellschaft, die nirgends und niemals existiert hat, hilft uns die Utopie, die vorhandene Realität kennen zu lernen und nach Veränderungen zu suchen." (Chaui: Brasilien 2001) Forum-Theater als Weg zu widerständigen ReaktionenDa konkrete Projekt bedient sich dem Forum-Theater - eine der Formen des Theaters der Unterdrückten, das von dem Brasilianer Augusto Boal entwickelt wurde. Unter der Leitung einer Forum Theater-Pädagogin wird eine Gruppe von Migrantinnen ein Stück entwickeln, in welchem eine Konfrontation mit Rassismus (eventuell auch zum Zusammenspiel zw. Rassismus und Sexismus) abgebildet wird. Bei den Präsentationen werden Zuschauerinnen eingeladen, aktiv im Stück mitzuwirken, um, wie oben bereits erwähnt, aus rassistischen Provokationen Möglichkeiten einer Reaktion und widerständigen Aktion zu entwerfen und auszuprobieren. Das Stück wird von einer Spielleiterin moderiert. Anschließend an jede Präsentation findet eine Reflexion in der Gruppe (Schauspielerinnen und Publikum) über die Prozesse und Erkenntnisse statt. Im Vorfeld des Theaterstücks wird ein Workshop für die Gruppe (Theaterpädagogin und Schauspielerinnen) gehalten, dessen Inhalt die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Themenkreis Rassismus, Widerstand und Partizipation ist. Der Prozess und die Ergebnisse werden laufend dokumentiert, die Entscheidung bezüglich Veröffentlichung der Dokumentation liegt beim Team, das mit der Entwicklung und Vorführung des Stückes beauftragt ist - in Absprache mit den verschiedenen Teilnehmerinnen im Projektverlauf. Durch die Methode der Selbstevaluation wollen wir die Möglichkeit der Reflexion über das eigene Handeln aller Beteiligten im Prozess gewährleisten. Literatur
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